MissingNo: der Pokémon-Glitch, der zum Kultmonster wurde
In Pokémon Rot und Pokémon Blau für den Game Boy gibt es eine Kreatur, die nie auf dem Bildschirm hätte erscheinen sollen. MissingNo hat kein richtiges Design, nur einen Haufen durcheinandergewürfelter Pixel, und sein Pokédex-Eintrag trägt die Nummer 000. Nintendo hat seine Leser schließlich davor gewarnt, dass schon ein kurzer Kontakt einen Spielstand zerstören kann. Jahrzehnte später suchen Spieler es immer noch.
Ein Name, ein alter Mann und eine Küste ohne Pokémon
Die Begegnung auszulösen folgt einem Ritual, das zum Klassiker wurde. Zuerst geht es nördlich von Vertania City zu einem alten Mann, der seine Fangdemonstration vorführt. Dann fliegt man nach Zinnober City und surft an der Ostküste entlang, dicht am Land. Ein paar Schritte später taucht ein unmögliches Pokémon auf.
Die Ursache ist ein Nebeneffekt. Während der Demo tauscht das Spiel deinen Namen gegen den des alten Mannes aus und legt den echten in einem Speicherbereich ab, den es auch zur Wahl wilder Pokémon nutzt, wie Kotaku und Screen Rant erklären. Fast überall wird dieser Bereich bei jedem Kampf neu beschrieben. An der Ostküste von Zinnober City ist keine Begegnung festgelegt, also überschreibt ihn nichts, und das Spiel liest die Buchstaben deines Namens, als wären sie eine Pokémon-Liste. Was dir begegnet, hängt also davon ab, wie du dich genannt hast, und jeder Spielstand hat seine eigene Variante des Fehlers.
Nintendo hat den Fehler aus seinen 3DS-Neuauflagen nicht entfernt: Der Glitch war weiterhin da, und zwar in den Versionen, die im Februar 2016 im eShop der Nintendo 3DS erschienen.
Was die Begegnung mit deinem Spielstand macht
Der Fehler hat zwei Gesichter. Das erste machte seinen Ruf: Trifft man MissingNo, steigt die Menge des sechsten Gegenstands im Beutel um 128, ein beliebter Weg, seltene Items zu vervielfachen. Das zweite war weniger lustig. Der Bildschirm füllt sich mit fehlerhafter Grafik, und wer die Kreatur fängt, kann die Hall-of-Fame-Daten beschädigen.
Nintendo Power fasste das Risiko im Mai 1999 in der Leserfragen-Rubrik PokéChat zusammen (Ausgabe 120). Auf die Frage “Was ist MissingNo?” antwortet das Heft, viele hielten es für das 152. Pokémon, doch man solle ihnen nicht glauben: Es sei ein Glitch, und jeder Kontakt damit, selbst ohne Fang, könne “leicht deine Spieldatei löschen oder deine Grafik stören”. In einer anderen Stellungnahme, die Kotaku zitiert, nennt die Firma es eine Programmiermacke, die nicht wirklich zum Spiel gehört. Die Neugier der Spieler hat das nicht gebremst.
Ein Pausenhof-Gerücht aus dem Januar 1999
Der Glitch wurde schon am 11. Januar 1999 online beschrieben. In einem Forum schildert ein Spieler namens Gyarados23 die Abfolge mit dem alten Mann und Zinnober City. Ein anderer antwortet, dass es funktioniert, und berichtet von einem Starmie auf Level 139, zwei Cloysters auf Level 128 und ein paar arg verdrehten MissingNo. Laut Vice wurde die Geschichte schnell zum Pausenhof-Mythos und beinahe zum Initiationsritus der ersten Generation. Die oben zitierte Warnung von Nintendo Power kam erst einige Monate später, im Mai.
Auch die Forschung wurde aufmerksam. Ein Aufsatz von 2007, verfasst von William Sims Bainbridge und seiner Tochter Wilma, nennt ihn einen der beliebtesten Glitches der Spielegeschichte, und Wilma Bainbridge glaubt, dass MissingNo das Interesse an Glitch-Jagd und Speedrunning mitgeprägt hat, wie Wikipedia berichtet. IGN hat ihn einen “unvergesslichen” Glitch genannt. Minecraft hatte Herobrine, eine Legende aus einem Forenbeitrag. Pokémon hatte MissingNo, entstanden aus einem Speicherfehler.
Woher der Name kommt und was die fehlenden Nummern verbergen
In Japan heißt die Kreatur Ketsuban, wörtlich “fehlende Nummer”, laut Glitch City. Der Pokédex zeigt 151 Pokémon, doch im Hintergrund sortiert das Spiel seine Kreaturen in eine Liste mit 190 Plätzen. Nach Smogon sind 39 davon leer. MissingNo ist das, was das Spiel anzeigt, wenn es auf einen dieser leeren Plätze trifft, was die unterschiedlichen Erscheinungsbilder erklärt, darunter den Pixelturm aus zwei aneinanderhängenden Rechtecken.
Diese leeren Plätze waren nicht alle von Anfang an unbelegt. Im Februar 2019 zeigte der Leak einer Demo von Pokémon Rot und Grün, dass mehrere dieser Platzhalter zu unterwegs verworfenen Kreaturen gehörten, darunter Ohmega, ein von Mechagodzilla inspiriertes Monster, laut TheGamer. Der Leak des Pokémon-Blau-Quellcodes 2020 bestätigte laut Glitch City, dass die gewöhnlichen MissingNo-Plätze gestrichenen Pokémon entsprechen. Hinter dem Fehler stecken also Kreaturen, die Game Freak schon zu entwerfen begonnen hatte.
Ein Monster wird zum Augenzwinkern
MissingNo hat sich schließlich in andere Spiele geschlichen. Vampire Survivors hat einen geheimen Charakter namens missingNo mit zufälligen Werten und Glitch-Optik, und The Binding of Isaac: Rebirth versteckt ein gleichnamiges Item, das andere Items und Attribute zufällig durcheinanderbringt, wie Wikipedia festhält. Wie man den Charakter in Vampire Survivors freischaltet, ist ein Geheimnis (leichter Spoiler, öffne ihn nur, wenn du es nicht selbst herausfinden willst):
Eine Frage bleibt, die der Glitch ungewollt stellt: Auf welcher Version, auf welchem Gerät bist du MissingNo zum ersten Mal begegnet? Radion gibt dir das Modul nicht zurück, das du einem Cousin geliehen hast, aber die App führt deine Steam-, Xbox-, PlayStation- und Nintendo-Bibliotheken an einem Ort zusammen und hält fest, was du gespielt hast, was dabei hilft, sich an die Herkunft der eigenen Erinnerungen zu erinnern. Am Ende ist MissingNo ein Pokémon, das niemand zeigen wollte und das jeder sehen wollte.